Im Wald für die Zukunft lernen
13.07.2026
Im Universitätswald der LMU forschen und lernen Studierende und Wissenschaftler gemeinsam, wie klimaresiliente Wälder entstehen – und wie man sie schützt.
13.07.2026
Im Universitätswald der LMU forschen und lernen Studierende und Wissenschaftler gemeinsam, wie klimaresiliente Wälder entstehen – und wie man sie schützt.
Die Sommer werden heißer, Trockenheit und Unwetter setzen nicht nur den Großstädten, sondern auch den Wäldern zu. Um über zwei Grad ist die Temperatur im bayerischen Jahresdurchschnitt seit 1950 gestiegen. Viele Baumarten reagieren darauf empfindlich.
Um die Wälder zu erhalten, muss bei der Verjüngung größter Wert auf Klimaresilienz gelegt werden. Wie das geht, erforscht die LMU im universitätseigenen Wald in der Nähe von Landshut. Mit seinen 470 Hektar ist der naturnah bewirtschaftete Wald in etwa so groß wie 650 Fußballfelder. Aber ist er auch widerstandsfähig? Welche Bäume gedeihen wo am besten? Und womit erhöht man die Anpassungsfähigkeit?
Auf Vielfalt der Arten und des Alters komme es an, erklärt Professor Ralf Ludwig, LMU Chief Sustainability Officer. Verjüngt werden muss mit Arten, die mit Hitze und Trockenheit besser zurechtkommen – auch wenn bisher nicht alle heimisch sind im Uniwald.
In mehreren großen Feldprojekten vor Ort erforscht das Department für Geographie der LMU gemeinsam mit seinen Partnern die Idealbedingungen eines klimaresilienten Waldes. Und weil der Wald „ein tolles Instrument in der Nachhaltigkeitsbildung ist“, verwandelt er sich seit April zudem in ein innovatives Lehr-Lern-Reallabor.
KLICKS (KLImawandel und NaChhaltigKeit im ÖkoSystem Wald) heißt dieses neue zweijährige Projekt, gefördert durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre, das Studierende und Forschende zur Exkursion in die Natur führt. Das Konzept des „Place-based learning“ im Uniwald wird im Rahmen von el mundo, dem interdisziplinären Bildungsprogramm der LMU für Nachhaltigkeit in Studium und Lehre, entwickelt und erprobt. „Wir lernen im Wald, von dem Wald und für den Wald“, erklärt Dr. Katrin Geneuss, didaktische Leiterin des Projekts.
Mitten im Wald, fernab des klassischen Hörsaals, beginnt hier Lehre anders zu funktionieren. Nicht nur der Lernort ist besonders, sondern vor allem die Struktur dahinter: Fachwissenschaft und Pädagogik greifen ineinander und schaffen gemeinsam ein Multiplikatorensystem, das sich selbst weiterträgt.
Den Auftakt machen die sogenannten Forest Experts. Sie führen Lehramts- und Masterstudierende in das Thema ein und begleiten sie auf ihrem Weg zu Forest-Trainern. Diese wiederum vermitteln die fachwissenschaftlichen Inhalte später in vielfältigen Lernformaten an Bachelorstudierende weiter. Aus den Teilnehmenden werden so nach und nach Forest Literates — also Studierende mit vertieftem Waldwissen und zugleich mit der Fähigkeit, dieses Wissen weiterzugeben.
Die Grundlage dafür bildet ein hybrides Qualifizierungsformat. Ein digitaler, interaktiver Kurs vermittelt das theoretische Fundament, ergänzt durch mehrere Tage im Wald, an denen die Inhalte unmittelbar erfahrbar werden. So erwerben die Forest-Trainer nicht nur fachliches Wissen über den Wald, sondern auch die Kompetenz, dieses Wissen in lebendige und lernwirksame Lehrformate zu übersetzen.
El mundo qualifiziert nicht nur Studierende aller Fächer für nachhaltige Entwicklung, es entstehen auch praxisnahe Lehrformate. „Lernt man mit allen Sinnen, bilden sich Erinnerungen“, sagt Melitta Amend, Lehrerin an einer Realschule in Aschheim. Sie hat sich im Zertifikatsprogramm von el mundo eingeschrieben, um Nachhaltigkeit fundierter zu unterrichten. Wie viele andere beklagt auch sie die sogenannte Extinction of Experience: den Verlust von unmittelbarer Naturerfahrung, unter dem Kinder und Jugendliche nicht erst seit der Coronakrise besonders leiden.
Zur Einstimmung hört die bunt gemischte Gruppe auf der Fahrt einen von Teammitglied und Waldexperte Dr. Simon Kloos produzierten Podcast zum Thema. Viele von ihnen sind Lehramtsstudierende wie Vivian Huber, die ihre Schüler und Schülerinnen später möglichst oft unter freiem Himmel unterrichten möchte. Andere studieren im Master „Umweltsysteme und Nachhaltigkeit“, etwa Konstantin Piller, der an KLICKS vor allem schätzt, dass das Projekt „Leuten den Wald näherbringt und mehr Awareness schafft“.
Er ist einer von den fünf Teilnehmenden, die sich im Uniwald zu Forest-Trainern zertifizieren lassen. So sollen sie in einem ganz neuen Lehr-Lern-Format in Zukunft selbst jüngere Studierende zu Forest Literates ausbilden, die den Wald „lesen“ und ihr Wissen weitergeben können.
© elmundo
Der Ausflug beginnt mit einem Sicherheitshinweis auf die allgegenwärtigen Zecken und einer Einführung in gefährliche Giftpflanzen, die auch hier zu finden sind, wie der Gefleckte Schierling oder der Blaue Eisenhut.
Dann ziehen Kleingruppen – Stichwort: Peer-to-peer-learning – los, um Bäume zu identifizieren. Rotbuche, Fichte, Eiche: alles da. Sogar eine Schwarzerle wird mithilfe einer Pflanzen-App gefunden.
Das Ergebnis: Im Uniwald herrscht tatsächlich ein vielfältiger Mix an Baumarten allen Alters – ideale Bedingungen eigentlich für Klimaresilienz. Allerdings dominiert auch hier noch immer die hitze- und trockenheitsempfindliche Fichte.
Die robustere Douglasie dagegen, eine nicht heimische Art, die hier aber hervorragende Wachstumsbedingungen vorfindet, ragt nur vereinzelt mächtig über den anderen Baumkronen auf.
An der nächsten Station klärt Kloos auf über einen der großen Feinde des Waldes: den Borkenkäfer, hier vor allem den Buchdrucker. Im Klimawandel hat er besonders leichtes Spiel. Um eine mögliche Ausbreitung des Borkenkäfers auf den Verjüngungsflächen der laufenden Forschungsvorhaben zu unterbinden, hat man die gefällten Bäume geschlitzt. Dabei wird die Rinde geöffnet, unter der sich Käfer, Eier und Larven befinden. Das Totholz, das weiterhin Kohlenstoff speichert, bleibt an manchen Stellen ganz bewusst im Wald. Es bietet Pilzen, Insekten, Moosen und Vögeln wertvollen Lebensraum. Üblich ist das aufwendige Schlitzen vor allem da, wo es zu schwierig wäre, das Holz abzutransportieren.
Das KLICKS-Team bei der Auftaktveranstaltung im Sommer 2026 | © Monika Goetsch
Einen kurzen Fußmarsch entfernt übt sich die Gruppe im „forschenden Lernen“. Ausgerüstet mit Infrarot-Thermometern bestimmen die Waldbesucher die Oberflächentemperatur von Böden, Blättern und Bäumen.
Und bestärken einander in der Hypothese, dass Temperaturunterschiede mit dem untersuchten Material, mit der Feuchtigkeit und dem Albedo-Effekt zu tun haben könnten, der beschreibt, wie stark eine helle oder dunkle Oberfläche das Sonnenlicht reflektiert.
Unter dem Stichwort „sensorisches Lernen“ werden außerdem Blüten, Knospen, Holz, Beeren und anderes aus dem Wald gesammelt, um den Geruch zu beschreiben. Harzig, vielleicht würzig? Löst er Gefühle aus und Assoziationen, und wenn ja, welche?
Beim Expertenpuzzle sucht die Gruppe unter Leitung von Teammitglied Marianne Pfaffinger nach Erklärungen für merkwürdige Phänomene. Warum etwa schließen Fichtenzapfen ihre Schuppen bei Feuchtigkeit? Die Antwort: Damit die nassen, schweren Samen nicht herabstürzen und unterm Mutterbaum im Schatten landen, sondern an ein sonnigeres Plätzchen fliegen.
Bilden Fichten außergewöhnlich viele Zapfen, erfährt man, kann es sich um eine „Angstblüte“ handeln, ausgelöst von Trockenstress oder Nährstoffmangel – auch das wird durch den Klimawandel intensiver, der an diesem Tag so nachhaltig Eindruck hinterlässt.
Gegen Ende der mehrstündigen Exkursion diskutiert Teammitglied Lea Antony mit der Gruppe dann noch die eher philosophische Frage, wem eigentlich der Wald gehört. Allen? Niemandem? Sich selbst? Oder vielleicht demjenigen, der die Verantwortung für den Wald übernimmt? Für Ralf Ludwig eindeutig Letzteres. „Besitz heißt Schutz“, sagt er. Fünf weitere Waldtage sind bereits geplant. Denn schützen kann man am besten, was man kennt.